Unsere Feste
Ein Projekt der Klasse 6c der Erweiterten Realschule Lebach
zusammen mit Frau Wagner (Klassenlehrerin)
und Frau Spaniol-Fisch (Caritaseinrichtungen in der Landesaufnahmestelle für Vertriebene und Flüchtlinge)
Schuljahr 2006/2007



Situationsbeschreibung
Die Klasse 6c ist eine Regelklasse. Die Besonderheit dieser Klasse ergibt sich aus der Herkunft der Kinder. Über 50 Prozent der SchülerInnen besitzen keinen deutschen Pass oder stammen aus Familien mit Migrationshintergrund. Acht SchülerInnen leben mit ihren Familien als AsylbewerberInnen in der Landesaufnahmestelle für Vertriebene und Flüchtlinge, einer Sammelunterkunft in Lebach. Insgesamt sind zehn verschiedene Nationen in der Klasse vertreten. Der Anteil der Muslime liegt bei knapp fünfzig Prozent.

Ziele des Projekts
Aus diesen Gegebenheiten zeigt sich innerhalb der Klasse ein großes interkulturelles Ressourcenpotential an Erfahrungen und Lebensentwürfen. Dieser reiche Schatz an Wissen und Fähigkeiten wird durch das Projekt hervorgehoben und aufgearbeitet. Anlass für diese Aktivitäten ist somit keine Problemorientierung, denn innerhalb der Klassengemeinschaft herrscht ein gutes Klima. Stattdessen soll die nationale Vielfalt als Medium für einen interkulturellen Lernprozess genutzt werden.
Durch den Austausch zwischen den MitschülerInnen wird aber nicht nur Wissen vermittelt. Die Kinder lernen außerdem die fremde Kultur aus der Sicht ihrer Angehörigen zu verstehen. Sie lernen die Eigenständigkeit und Andersartigkeit der eigenen sowie der anderen Kultur zu akzeptieren und respektieren. Indem sie sich mit den Themen Flucht, Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit biographisch auseinandersetzen, wird ihre Fähigkeit zur Empathie gestärkt und die Entwicklung ihrer Persönlichkeit positiv beeinflusst.
Die SchülerInnen der 6. Klasse befinden sich in einer Lebensphase, die von Offenheit und Neugier geprägt ist. Zudem wächst ihr Interesse an Politik und gesellschaftlichen Fragen. Da sich in Lebach die zentrale Aufnahmeeinrichtung für AsylbewerberInnen im Saarland befindet, müssen die SchülerInnen sich verstärkt im Umgang mit ausländerfeindlichen Tendenzen und der eigenen Angst vor dem Fremden erproben. Das Projekt hilft ihnen dabei, sich aktiv mit (interkulturellen) Differenzen auseinanderzusetzen und so zu einer selbstbestimmten Meinungsbildung zu gelangen. Die Erkenntnisse, die die Klassenkameraden durch interkulturelle Lernprozesse machen, können Früchte tragen. Indem die SchülerInnen mit anderen Jugendlichen, LehrerInnen und Eltern über ihre persönlichen Erfahrungen sprechen, werden sie zu Multiplikatoren und Vermittlern zwischen den Kulturen.



Aktivitäten
Die SchülerInnen entwerfen einen internationalen Kalender, der alle Feiertage der Kulturen und Nationen enthält, die in der Klasse durch die SchülerInnen vertreten sind. Jedem Monat wird eine Nation zugeordnet. In kleinen Gruppen füllen die SchülerInnen das Kalenderblatt mit Informationen zu dem entsprechenden Land.

Die Kalender
Nation Monat SchülerInnen
Polen Juli Soukaina / Kim
Libanon April Zeinab
Deutschland März Nora-Fee / Lukas / Alex St.
Saarland Juni Kim/Sultane
Italien Oktober Tizian, / Seythan / Mehdi
Russland Dezember Boris / Ewald
Türkei November Mehmet / Derya
Serbien-Montenegro September Kevin
Syrien Februar Raparin / Zulfiye
Brasilien Mai Cinthya / Soukaina
Australien August Steven
Spanien Januar Suna


Der Arbeitsauftrag Materialien aus dem Internet, aus Reisekatalogen, von Eltern und Großeltern zu sammeln, erging bereits vor den Sommerferien. So hatten die SchülerInnen genügend Zeit, sich auf das Projekt vorzubereiten. Sie sollten sich über die Geographie, die Kultur, die Religionen, den Alltag der Menschen im jeweiligen Land informieren. Ein besonderes Gewicht sollte den Festen zufallen. Welche Feiertage gibt es? Wie werden sie gefeiert? Gibt es Parallelen zu Deutschland? Welche Bedeutung haben Geburtstage, Hochzeiten usw.? Nach den Sommerferien wurde in einer Doppelstunde das Thema erneut aufgegriffen. Unter dem Motto "meine Welt - unsere Welt" beschäftigten sich die SchülerInnen mit einer Karte des Saarlandes, einer Deutschlandkarte, einer Karte von Europa und schließlich der Weltkarte. In den folgenden Wochen wurde je eine Doppelstunde zum Arbeiten am Kalender genutzt.
An einem Elternabend wurden die Mütter und Väter über das Projekt informiert. Verschiedene Eltern brachten zusätzliche Ideen ein, z.B. ein Lied in verschiedenen Sprachen einüben, saarländische Gerichte kochen...
Diese Themen sollen im Laufe des Schuljahres aufgegriffen werden. Die besagten Eltern erklärten sich bereit in diesem Rahmen am Unterricht mitzuwirken.




Methoden
Das Vorgehen orientiert sich an konzentrischen Kreisen:
1) räumlich: Angefangen bei der Saarlandkarte (meine Welt) vergrößert sich der Radius Schritt für Schritt über Deutschland und Europa bis hin zur Weltkarte (unsere Welt)
2) zeitlich: Jede Gruppe bereitet ein Kalenderblatt vor. Zusammen ergeben die Blätter einen ganzen Kalender, der sie durch die kommenden Monate begleiten wird.
Das Gestalten der Kalenderblätter erlaubt den SchülerInnen einen künstlerischen Zugang. Dies ist deshalb besonders wichtig, weil die Themen Herkunft und Heimat oft emotional besetzt sind. Sie haben die Möglichkeit sich frei auszudrücken, indem sie allgemeine Informationen aus dem Internet und aus Reisekatalogen suchen oder dem Blatt beispielsweise durch Erinnerungsfotos von sich und ihrer Familie eine persönliche Note geben.
Als Warm-up, zur Auflockerung oder um den Lernprozess voran zu treiben, werden Spiele genutzt. Sie machen den SchülerInnen nicht nur Spaß, sondern leisten außerdem einen guten Beitrag zur Klassengemeinschaft.
Beispiel: "Welcome, Diversity" (vgl. K. Faller, W. Kerntke, M. Wackmann: Konflikte selber lösen, Verlag an der Ruhr, 1996, S. 29), Dieses Spiel zeigt die kulturellen Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Es werden verschiedene Fragen gestellt und jeder tritt in den Kreis, falls die Aussage auf ihn zutrifft.
Wer von euch hat im August Geburtstag?
Wer ist jünger als 10 Jahre?
Wer wohnt in Lebach?
Usw.
Dann beziehen sich die Fragen auf die Multikulturalität innerhalb der Klasse:
Wer von euch feiert Weihnachten?
Wer feiert das Zuckerfest?
Wer fastet?
Wer ist getauft?
Wer hat eine andere Muttersprache als Deutsch?
Wer ist in Deutschland geboren?
Wer weiß was der "Ramadan" ist?
Wer spricht mehr als zwei Sprachen?
Wer hat Eltern, die in Deutschland geboren sind?
Usw.
Die SchülerInnen werden aufgefordert, weitere Fragen zu stellen.
Das Spiel zeigt die kulturelle Vielfalt der Klasse. Die SchülerInnen merken, dass Dinge, die sie für selbstverständlich halten, den Klassenkameraden fremd sind (Was ist "Ramadan"? Was bedeutet "taufen"?). Es zeigt auch, dass die SchülerInnen voneinander lernen können, indem sie vom Wissen der Klassenkameraden profitieren. Es gibt viele Dinge im Leben des Tischnachbarn, von denen sie bisher nichts wussten und die für die Klassengemeinschaft vielleicht auch keine große Rolle spielen. Trotzdem wird die Neugier geweckt.



Ausblick
Schule soll ein Lernort sein, an welchem die SchülerInnen ihre kulturelle Identität nicht verleugnen müssen. Die allseits geforderte Integration bedeutet auch, dass SchülerInnen nichtdeutscher Herkunft ihre Werte in die neue Gemeinschaft integrieren können. Wir hoffen, dass unsere Bemühungen nur der Anfang sind für weitere Aktivitäten in der Klasse oder der Schule, bei welchem die kulturelle Vielfalt innerhalb der Gruppe als Bereicherung erlebt wird.
(Gabriele Wagner und Pamela Spaniol-Fisch)


Zum Abschluss des Projektes bekommt Schulleiterin Frau Röckelein einen fertigen Kalender geschenkt. Links: Frau Spaniol-Fisch und Frau Wagner
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