Fünfundzwanzig Kilo Zeitung pro Tag
Das Projekt "Zeitung macht Schule" gibt Klassen die Chance, die Saarbrücker Zeitung vier Wochen lang kennen zu lernen.

Klasse 10e - Schuljahr 2005/06

Die Erlebnisse einer Saarbrücker Zeitung in der Klasse 10e der ERS Lebach
Bitterkalt war es, als ich mit meinen Geschwistern im Haupteingang der ERS Lebach lag. Wir versuchten uns gegenseitig warm zu halten, so gut wie es ging. Nach einer Stunde kam der Hausmeister, packte uns am Schlafittchen und brachte uns ins Warme. Eine halbe Stunde lagen wir auf einem Tischchen vorm Sekretariat und viele LehrerInnen, die vorbei kamen, starrten uns interessiert an. Kurz vorm ersten Gong nahm uns ein nettes Mädchen in die Arme und brachte uns in ein Nebengebäude, in den Klassensaal der 10e.
Kaum lagen wir auf dem Pult, wurden wir auch schon befingert und jemand zerrte ziemlich kräftig an mir, so dass die Plastikbänder, die uns alle zusammenhielten, mir schmerzhaft ins Fleisch bzw. Papier schnitten. Auf einen ärgerlichen Zuruf des Deutschlehrers hin, der den Raum plötzlich betrat, ließ man von mir ab.
Er befreite uns mit einer Schere von unseren Fesseln und dann mussten wir uns alle, 22 SchülerInnen und 23 Zeitungen, einen kleinen einführenden Vortrag zum Projekt "Zeitung macht Schule" anhören...
Anschließend wurden wir verteilt, jeder Schüler, jede Schülerin bekam eine von uns. Es begann das, was unser täglich Brot ist: hin und her geblättert zu werden. Wir wurden gelesen. Die meisten fingen nicht vorne an, erst später, als der Lehrer es verlangte, sondern beim Sportteil, bei den Lokalnachrichten. Plötzlich war Ruhe und wir lagen wieder mit dem Gesicht nach oben auf jeder Bank. Unser Gesicht ist die Titelseite. Einer begann dann laut vorzulesen. Anschließend sprachen sie miteinander, diskutierten, analysierten, strukturierten...
Als das Stichwort "Fußball-WM" fiel, ging es uns an den Kragen. Die Schüler sollten alle Artikel zu diesem Thema suchen und ausschneiden (!) Es tut zwar weh, vom Rest des Körpers getrennt zu werden, dafür lebt der heraus operierte Teil länger. Zwei Stücke von mir wurden in ein Heft geklebt. In den nächsten Tagen kamen noch mehrere Artikel von anderen Zeitungen dazu.
Es klingelt. Scheinbar ist die Stunde zu Ende. Wir werden von unseren Lesern und Leserinnen nach vorne gebracht und auf einer nicht genutzten Schülerbank übereinander gestapelt. Nicht sehr ordentlich, aber schnell. Einige meiner Verwandten wandern auch in Schülerrucksäcke und werden an diesem Tag mit nach Hause geschleppt. Von meinem Platz neben der Tür kann ich nun in den nächsten Wochen das Lehren und Lernen in dieser Klasse beobachten. Über alles kann ich aus verschiedenen Gründen natürlich nicht berichten...
In der Regel hatten die SchülerInnen in der Deutschstunde erstmal Zeit in uns zu lesen. Dann wurde wieder geblättert, gesucht, angestrichen, diskutiert. Es ging um Themen wie Aufbau, Struktur, Verlag, Profit, Filter, Nachrichtenfaktoren, Berichte, Kommentare... Für uns nichts Neues, unser täglich Brot, unser Inhalt und Wesen.
Mit der Zeit wurde der Druck auf mir immer größer, die vielen Brüder und Schwestern, einige ziemlich gewichtig, stapelten sich alle über mir. Das drückt einem ganz schön die Luft ab bzw. die Buchstaben platt.
Eines Tages geschah etwas Ungewöhnliches. Vier Wochen waren fast vergangen. Da rückten nachmittags einige SchülerInnen an, stellten laute Musik an, pinselten die Wände ihres Klassenraumes mit etwas Feuchtem ein und ... Unvorstellbar und trotzdem schön! Wir wurden aus unserem Stapel befreit, auseinandergefaltet und auf die Wand geklebt. Zarte Hände fuhren über uns hinweg und strichen uns glatt. Ein wenig feucht war es schon. Aber nach ein paar Stunden waren wir trocken - und zu einer Tapete geworden. Andere "Eintagsfliegen" landen im Müll, vielleicht im Papiercontainer, wo sie mit einer "Wiedergeburt" rechnen können. Wir sind nun "verewigt" als Tapete in einem Klassenraum. (nm)






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